Lange habe ich überlegt, welcher mein erster Beitrag wird. Und dann war es glasklar: Es geht ums Anfangen.
Vermutlich ist das nicht nur zufällig mein erster Beitrag, sondern aus einem ganz bestimmten Grund: Weil diese Zeit, das Anfangen mit dem Schreiben, einen unglaublichen Reiz und magischen Zauber auf mich ausübt und mich an die wundervollen Stunden erinnert, in denen ich die reinste Schreibfreude hatte. Ich denke so gerne daran zurück, dass ich dabei anfange zu lächeln. Ja, es war wundervoll!
Über das Anfangen
Es heißt ja, bevor man Regeln brechen darf, muss man sie kennen. Ich sage: Ja, aber.
Als ich mit dem Schreiben anfing (nicht als Kind, sondern als Erwachsene) und den handwerklichen Durchbruch hatte, da habe ich einfach angefangen. Idee, Tastatur, angefangen. Mit dem ersten Dialog. Mit den ersten Szenenfetzen. Ich habe mich vorher nicht mit Plotstrukturen, Figurenentwicklung oder anderen Theorien beschäftigt. Das Buch und die Idee sind mit dem Machen gewachsen.
Vielleicht hatte ich vorher so viele Bücher gelesen, dass ich Erzählmuster verinnerlicht hatte. Aber ich hatte urplötzlich diese Was-wäre-wenn-Idee in meinem Kopf und die musste ich schreiben. Ich musste. Und ich fing an, ohne mir vorher im Kleinsten einen Plot nach einer bestimmten Struktur überlegt zu haben, was passieren würde. Ich kannte die Grundidee, das Was-wäre-wenn. Daran habe ich mich orientiert und nach und nach die Story geschrieben.
Auch wenn ich bei manchen Dingen auf die Nase gefallen bin, fühle ich dennoch folgendes:
- Hätte ich das Buch niemals geschrieben, wäre ich traurig, denn für mich persönlich ist etwas Wertvolles, unglaublich Schönes herausgekommen. Eine Welt, in die ich jetzt jederzeit zurückkehren kann und mich daran erfreue und die mir in dunklen Schreibzeiten immer Kraft schenkt, weiterzumachen, weil ich weiß, was geschehen kann, wenn man weiterschreibt. Wie es sich lohnt, weiterzuschreiben.
- Ich habe unglaublich viele, wertvolle Erfahrungen gesammelt, die mir bis heute helfen und die mir kein Ratgeber hätte geben können. Ich kann davon lesen, wie schlimm eine Schreibblockade ist, aber ich werde sie nicht fühlen, bis ich sie selbst nicht habe. Ich weiß, wie ich daraus komme (theoretisch), weil ich Dinge ausprobiert und gemerkt habe, warum ich die Schreibblockade habe. Hätte ich das alles vorher schon durchgekaut, ich glaube, ich hätte gar nicht erst angefangen, sondern mich entweder verhaspelt in all den Ansichten und Meinungen oder aber total entmutigt aufgehört, weil der innere Kritiker brüllt: Siehst du, das kann gefährlich werden. Lass das lieber.
Und ich sage: Nein. Ich habe den Zauber erlebt, von völlig freiem Schreiben. Ein Zustand, der mir momentan seltener vorkommt.
Ich habe am eigenen Leib gemerkt, dass einige Szenen in die Sackgasse führen.
Ich weiß, wie es ist, wenn eine Figur überhaupt nicht mit mir klarkommt (und andersherum) oder wie es ist, wenn eine andere Figur lebendig wird und ihr eigenes Ding macht und wie großartig es sich anfühlt, dass sie es tut. Und wie wundervoll ist, wenn genau diese Figur einem völlig unvermittelt im Alltag etwas ins Ohr flüstert. Dass man mit dieser Figur lachen und weinen kann, mitfiebern und ihr dann sogar eine eigene Geschichte schenkt, die zu einem zweiten Buch geworden ist.
Alles in allem heißt die Erfahrung, die ich durch das Losschreiben gemacht habe: Problemlösungskompetenz. Ich kann mir oft sagen: Ach ja, so war das damals bei XY auch, ich weiß, wie ich da rauskomme. Fühlt sich schlimm an, wird aber, wenn ich weitermache, überhaupt keine Rolle mehr spielen.
Ich denke, wenn ihr Geschichten schreibt, dann haben 99,9999 Prozent von euch vorher schon viel, sehr viel gelesen. Dann kann der Gedanke: Ich muss vorher erst ganz viel lesen, um dann selbst schreiben zu können, sehr schnell hinderlich werden und als Ausweichmanöver dienen oder einem einreden, man sei nicht gut genug. Aber: Man wird nur durch das Schreiben besser. Ich liebe das kindliche Entdecken (Haben wir als Kinder jemals erst einen Ratgeber gelesen, wie man auf einen Turm klettert oder eine Sandburg baut?). Ich plädiere für Learning by Doing.
Die Frage ist doch auch: Wann weiß ich genug? Und das gilt nicht nur für das Anfangen beim Schreiben, sondern auch für die Recherche. Diese Frage kommt in den meisten (wenn nicht sogar allen Fällen) vom inneren Kritiker. Aber: Euch passiert nichts, wenn ihr einfach anfangt. Im Gegenteil: Ihr könnt wundervolle Erfahrungen machen.
Beklaut euch nicht der Erfahrung, Erfahrungen zu machen.
Meine Erfahrung: Ich habe davon profitiert, dass ich einfach losgelegt habe. Keine Prokrastination. Kein Verkopfen.
Ich will das „einfach anfangen“ hier nicht verklären. Klar: Über kurz oder lang wird es wahrscheinlich passieren, dass man nicht weiterkommt. Auch bei mir. Der Sand hielt nicht, ich bin von der Halterung abgerutscht. Und dann, genau in dem Moment, hilft euch die Erfahrung anderer Autoren. Sei es durch Ratgeber, Blogs oder Schreibkurse. Oder das Zurücktreten von eurem Text, das Abstandgewinnen und neutralere Daraufschauen. Dann könnt ihr wieder ausprobieren, was euch hilft, und euren eigenen Werkzeugkoffer bestücken, damit ihr dazu lernt.
Und ein Wort zum Schluss: Ja, mein erstes Buch* hat sich von der ursprünglichen Was-wäre-wenn-Idee verändert, aber: Die Was-wäre-wenn-Frage, die mich damals beschäftigt hat, ist die gleiche wie am Anfang. Lediglich einige Figurenentwicklungen, Handlungsstränge und Szenen haben sich verändert, weil ich sie gefunden habe. Ich habe ausprobiert und dann den Weg gefunden, der für mich und die Geschichte der richtige ist. Habe ich dabei Zeit verschwendet, weil ich „Umwege“ gegangen bin? Nein, niemals. Nicht nur, dass ich eine Menge gelernt habe – die Geschichte ist glaube ich zu dem geworden, was sie von Anfang an sein sollte, ohne dass ich es wusste.
Für mich war damals beim Anfangen also nicht die Theorie wichtig, sondern etwas ganz anderes: Eine Schreibroutine. Das war der einzige Happen Theorie, der mir wirklich geholfen hat, denn mit der Schreibroutine hatte ich meinen „Durchbruch“. Und zu guter Letzt: Die Was-wäre-wenn-Frage, die war der Anfang von allem und kam völlig unerwartet (ohne dass ich danach gesucht habe) und hat mich im Folgenden zu all den Büchern geführt, die ich geschrieben habe.
Deshalb: Probiert aus. Probiert aus, einfach loszuschreiben und kümmert euch um Sackgassen und Fragestellungen, wenn sie auftauchen (ich sage ganz bewusst nicht Probleme). Oder probiert aus, ob ihr mit dem Anlesen von theoretischem Rüstzeug besser starten könnt und hinterfragt, ob ihr wirklich anfangt, zu schreiben. In beiden Fällen werdet ihr aber mit einer Sache anfangen: In meinen Augen startet jedes Buch mit einem Ideenfunken oder einer Was-wäre-wenn-Frage, die euch packt und nicht mehr loslässt.
*: Witzigerweise passiert es mir immer wieder, dass ich schreibe: mein erstes Buch. Nein, das Buch von dem ich hier rede, ist nicht mein erstes. Ich hatte vorher schon zwei geschrieben, das lag zu dem Zeitpunkt aber schon Jahre zurück. Für mich bleibt es im Herzen dennoch immer mein Erstling, weil ich damit viel mehr Erfahrungen gemacht habe und sie mich hierhin geführt haben, wo ich jetzt bin.
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