Ach, ich vermisse das Schreiben | Brief an George


Freitag, 11. April 2025

Lieber George, 
da sitze ich nun und mir fehlt das Schreiben. Mittlerweile so sehr, dass es wehtut. Ich sehne mich danach wie nach einem verlorenen Freund, mit dem man viele schöne Stunden verbracht hat. Ich weine, weil es einfach nicht funktionieren will. Ich verzweifele. Oder glaube ich das nur, dass es nicht funktioniert? 
Neulich, ja neulich da hatte ich kurz den Laptop auf und habe einfach angefangen, die neue Fassung meines Fantasy-Projektes zu schreiben. Ich liebe die Idee, ich habe ja auch schon eine komplette Rohfassung – und die, da bin ich nicht mal böse drüber, darf komplett neu geschrieben werden. Also nahm ich den Laptop und hatte den großen Drang, einfach loszuschreiben. Das Plotten, von dem ich mir die ganze Zeit sage, dass ich es fertig haben muss, weil das Buch der erste Teile einer Trilogie ist, half mir nicht weiter: Ich musste es ausprobieren, die Szene in meinem Kopf. Ich musste wie bei einem Puzzle probieren, ob alle Teile – Figuren, Sätze, Orte, Handlungen und alles andere – so passen, wie ich es mir in meinem Kopf vorstelle und gucken, was noch passiert. Die Worte wollten raus, die Idee wollte sich neu formen. Es hat Spaß gemacht. 
Doch kurz danach fing es an: Wie fange ich an? Wann kann ich anfangen? Was musss ich vorher tun? Darf ich überhaupt anfangen? Jetzt habe ich ja schon angefangen – und du kennst meine Denke: Wenn Worte dort einmal stehen, dann sind sie in der Welt, dann kann ich nicht mehr so tun, als wären sie nie da gewesen. Es hat sich in den Text eingeschrieben, auch wenn es mir mal gelingen sollte, etwas zu ändern. Die Figuren und die Story bekommt ein Eigenleben und das ist gut so. 
In der Vergangenheit habe ich die groben Handlungspunkte im Kopf gehabt: Ich wusste, wie es ausgeht, ich wusste einzelne Szenen und wer die Figuren grob sind. Ich habe losgeschrieben, hatte zu 99 Prozent Spaß und der restliche ein Prozent fühlte sich mies an, aber ich habe nie aufgehört. Immer gab es da eine Lösung, einen kleinen Strohhalm, an den ich mich klammern konnte, um weiterzuschreiben und voranzukommen. Ich habe die Geschichten nie aufgegeben. Und nun?
Ich verheddere mich offenbar in Planungsrunden. Ich muss doch planen, oder? Wie kann ich denn einfach losschreiben? Ich muss doch jede Szene kennen! 

Verzweifelst, 
Lara


Freitag, 11. April 2025

Liebe Lara,
es ist schade, dass du dich so fühlst, denn Schreiben bedeutet alles für dich. Es ist deine liebste Leidenschaft und ohne diese hättest du in den vergangenen Jahren nicht nur weniger über dich selbst entdeckt, sondern auch weniger von der Welt. Du hast neue Dinge probiert, die dir vorher nie in den Sinn gekommen wären (Stichwort: Klettern). Durch das Schreiben hast du eine ungekannte Facette Lebensfreude in dir geweckt. Was also hemmt sie so? Frage dich mal, warum es nicht weitergeht. Es hört sich an, als hättest du Angst. Beschäftige dich mal mit Perfektionismus.
Und zu guter Letzt: Sei stolz auf dich und schreibe weiter. Beraube dich nicht deiner absoluten Leidenschaft – auch wenn sie mal Leiden schafft, wie du sagst, kennst du auch das Leiden und hast immer hinaus gefunden. Glaube an dich und deine Idee. Und denk dran: Du bist dein Leser, erschaffe dir die Welt, die du vor deinem inneren Auge sehen willst und in die du immer wieder zurückkehren kannst. Es gibt so viele Stellen in deinen Büchern, an denen du dich alleine immer wieder erfreuen kannst. Denke an solche Stellen und schaffe neue.
Also glaube an dich – ich kann es nicht oft genug wiederholen. Du hast in der Vergangenheit auch einfach drauflosgeschrieben, mit den groben Punkten im Kopf, wie du sagst. Und was ist dann passiert? Du hattest oft genug diese kindliche Freude in dir, wenn du etwas über das Buch entdeckt hast, wo du nicht wusstest, ob es schon immer da gewesen ist. Eine Figur, eine Szene oder ein Gegenstand. Kleine Details in Szenen oder Orten. Wenn deine Figur ein Eigenleben entwickelt. Diese kleinen kreativen Schmetterlinge, wie du sie nennen würdest, die in deinem Kopf aufflattern und in die Seiten hineinfliegen, während deine Finger über die Tastatur fliegen. Die Freude, wenn du diesem kleinen Schmetterling dabei zuschaust, wie er sich entfaltet und für immer bei dir bleibt.
Frage dich einmal: Was hat sich verändert, seitdem du diese Gefühle das letzte Mal hattest?
Ich habe dich lieb und fühl dich gedrückt.
In Liebe, George